Trommler Georg Will beim Lesen einer Mitteilung

Ein Reisebericht

Pfarrer Ernst Nestele
Kirchstr. 23
7274 Winterlingen

Tel: +49 07434-1637

 
Bomben auf Beirut, Katjuschas auf Haifa, damit begannen die Tagesnachrichten, als wir am 8. August mit unseren vier Kindern die Grenze nach Österreich überschritten. Wir hörten in den aktuellen Berichten von libanesischen Flüchtlingen, die im Norden Rettung suchten, und von Flüchtlingen aus Galiläa, die sich nach Süden durchschlugen. Die Bilder verbanden sich mit Erzählungen aus der eigenen Familie von den flüchtigen Donauschwaben, die 1944 im Spätherbst ihre Heimat westwärts verlassen mussten. In Österreich übernachteten wir auf dem Leibnitzer Campingplatz. Unser Lager wurde von einer alten Eiche überschattet, deren Gezweig die wenigen Tautropfen vollständig von uns fernhielt. Drei Erwachsene wären vermutlich nötig, um ihren Stamm mit ausgebreiteten Armen zu umfassen. Wie viele Urlauber und Durchreisende an diesem Baum wohl schon vorüber gezogen sind - sie sind längst fort, ganze Generationen sind so vergangen, und immer noch steht dieser eindrucksvolle Stamm. „Der Mensch ist in seinem Leben wie Gras, er blüht wie eine Blume auf dem Feld; wenn der Wind darüber geht, ist sie nicht mehr da, und ihre Stätte kennt sie nicht mehr...“ heißt es einmal im 103. Psalm in der Bibel. Unser Jüngster, der kleine Jakob, bekam plötzlich hohes Fieber. Er war 13 Monate alt, die Eckzähne schoben, die Temperatur war allerdings ungewöhnlich hoch. Wir benötigten die Hilfe eines Kinderarztes. Erst nach einer außerordentlich gründlichen und freundlichen Untersuchung konnten wir gegen Mittag unsere Reise fortsetzen. Eine Stunde später brausten wir bereits durch Maribor auf der slowenischen Autobahn über Zagreb Richtung Belgrad. Mit der Einreise nach Serbien warteten wir bis zum nächsten Morgen in Slawonski Brod. Die Stadt liegt unmittelbar an der Save. Der Fluß grenzt an dieser Stelle Bosnien-Hezegowina von Kroatien ab. Die Häuserfronten zur Uferseite hin zeigen noch deutliche Einschußspuren von den Kriegshandlungen in den 90er Jahren. Erste Hinweise auf die serbische Hauptstadt waren bis kurz vor der Grenze auf kroatischen Straßenschildern nicht zu sehen. Die alte Hauptstadt scheint für diesen Teil des ehemaligen Jugoslawien jede Bedeutung verloren zu haben. Wir überquerten die Grenze bei Lipovac gegen 11.00 Uhr. Zwei Stunden später erreichen wir Belgrad. Wir parken vor der orthodoxen Kirche Sveti Marku. Noch in Österreich hatte ich mit meinem serbischen Amtsbruders Pfarrer Luka Illic Ort und Zeit unserer Begegnung in Belgrad abgesprochen. Wie vereinbart trafen wir uns pünktlich kurz nach 14.00 Uhr auf dem Nationalplatz im politischen Zentrum der Metropole. An der Seite des Kollegen und seiner Frau lernten wir die serbische Hauptstadt von einer äußerst liebenswürdigen Seite kennen. Anschließend fuhren wir zusammen in unserem großräumigen VW-Bus durch Semlin und Surcin, und informierten uns vor Ort über Geschichte und Leben meiner Mutter und meiner Großeltern, die bis zum Oktober 1944 hier gelebt haben. Unser zeitliches Kontingent war begrenzt. Wir bedankten uns bei unseren liebenswürdigen Belgrader Freunden, die sich trotz ihrer unmittelbar bevorstehenden Ausreise nach Philadelphia/USA die Zeit für uns genommen hatten. Nach einem herzlichen Abschied überquerten wir noch in der selben Nacht die Grenze und reisten über Sid bei Tavarnik wieder nach Kroatien ein. Gegen 22.00 Uhr erreichten wir das Dörfchen Lug in der Baranja, wo wir zwei Tage die Gastfreundschaft einer befreundeten Familie genießen durften. Die älteren Häuser sind ähnlich angelegt wie die donauschwäbischen Siedlungen. Lug ist fast ausschließlich von ungarstämmigen Kroaten besiedelt. In den Gärten des Dorfes war vor wenigen Jahren serbische Artillerie in Stellung gegangen, um die nahe gelegene Stadt Ossijek unter Beschuss zu nehmen. Jakobs Fieber war immer noch nicht gesunken. Erneut mussten wir einen Kinderarzt konsultieren. Kompetent und schnell wurde unser Kind behandelt. Der Erwerb auch hochwirksamer Medikamente war unkompliziert. So einfach kann Hilfe sein. Was muss meine Großmutter durchlitten haben, als sie sich mit meiner Mutter und ihren Geschwistern ohne meinen Großvater in dem fremden Land mit der unbekannten Sprache durchschlug. Ich kann nur ahnen, welche Ängste sie durchlebt haben muss, wenn die Kinder husteten und Fieber bekamen. Wie unbeschwert und bequem dagegen ist unsere Stippvisite dagegen verlaufen. Die weitere Reise führte uns durch das Hinterland von Kroatien, zwischen verminten Feldern mitten in Europa hindurch bis zum wunderschönen Nationalpark um die Wasserfälle der Krka. Auf dem Rückweg rasteten wir bei der alten Uskokenfestung Nehaj vor der Stadt Senj. Kurt Held fand in dieser Stadt die Kulisse für seinen bezaubernden Kinderroman: Die rote Zora. Hier hatten im 16. Jahrhundert christliche Flüchtlinge Zuflucht vor den heranrückenden Türkenheeren gefunden. Später wurden sie für ihre Kühnheit bekannt und ihrer Grausamkeit wegen gefürchtet, bis sie schließlich isoliert und von allen Seiten bekämpft erneut entmachtet und gedemütigt wurden. Als Schüler hat mir mein Lateinlehrer mit den irischen Lieder der Dubliners bekannt gemacht. Eines davon, „The town I loved so well“, besingt die Stadt Belfast und die Erinnerungen an unbeschwerte Jahre. Dann kommt der Krieg. Und an der Stelle, an der die Kinder früher gespielt und sich die jungen Paare getroffen haben, stehen Panzerwagen und Straßensperren. Das Lied endet mit der verzweifelt ratlosen Frage: Was haben Sie mit meiner Stadt getan - und was kann ich noch tun? Und es schließt meiner Erinnerung nach mit der Antwort: „I can only pray for a bride brandnew day to the town I loved so well“. Ich bin überzeugt, wir können nicht mehr, aber auch nichts besseres tun für die zerstrittenen Balkanstaaten und die Dörfer, an denen die wehmütigen Erinnerungen der Donauschwaben hängen.

Pfarrer Ernst Nestele



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